Seit 1883 werden in Halberstadt Würstchen produziert, die als älteste Konservenwürstchen der Welt gelten. Nun steht das Traditionsunternehmen vor einem Einschnitt: Die Familie Nitsch, die den Betrieb seit 1992 führt, sucht einen Käufer für Fabrik und Marke. Der Schritt falle ihr „extrem schmerzhaft“, so die Unternehmensführung, sei aber unvermeidbar.
Auslöser der Krise ist ein massives Liquiditätsproblem. Gestiegene Kosten für Energie, Fleisch und Personal sowie ein schrumpfender Markt für Wurstwaren haben das Unternehmen in die Bredouille gebracht. Hinzu kommt eine strukturelle Schwierigkeit der Branche: Rohstoffe, Verpackung und Energie müssen frühzeitig bezahlt werden, während der Handel seine Rechnungen oft erst Wochen später begleicht. Banken verweigern in dieser Situation zusätzliche Kreditlinien. Prokuristin Silke Erdmann-Nitsch bringt es auf den Punkt: „Es scheitert ausschließlich an der Finanzierung.“ Aufträge seien vorhanden, auch aus dem Ausland, doch ohne frisches Kapital könne man sie nicht abarbeiten. Derzeit läuft der Betrieb im Rahmen eines Schutzschirmverfahrens weiter.
Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Eine zu Jahresbeginn angekündigte Kooperation mit dem Münchner Feinkosthaus Käfer sollte neue Absatzwege erschließen. Geplant waren gemeinsame Produkte wie Suppen und fleischfreie Gerichte. Doch die wirtschaftliche Lage war bereits zu diesem Zeitpunkt zu angespannt. Auch die Erschließung neuer Segmente wie Geflügelprodukte, Halal oder Bio brachte keine Trendwende. Die Tochtergesellschaft Halko hatte zudem bereits zwei Insolvenzen durchlaufen.
Rund 150 Mitarbeiter sind von der Situation betroffen, davon 72 in Produktion und Verwaltung. Erdmann-Nitsch zeigt sich dennoch zuversichtlich, was einen Verkauf angeht. Sie bezeichnet den Standort als „Top-Fabrik ohne Modernisierungsstau“ und verweist auf die geopolitische Lage: Angesichts wachsender globaler Unsicherheiten steige die Nachfrage nach haltbaren Lebensmitteln. Ein kapitalkräftiger Investor finde hier beste Voraussetzungen.
Ein entscheidender Faktor beim Verkauf ist der geografische Markenschutz. Halberstädter Würstchen dürfen ausschließlich in Halberstadt produziert werden. Eine Übernahme mit anschließender Produktionsverlagerung, wie es Lebensmittelkonzerne häufig praktizieren, ist damit ausgeschlossen. Das dürfte potenzielle Großinvestoren wie den Fleischkonzern Tönnies, der als Interessent gehandelt wird, abschrecken.
Einen Überblick über weitere Insolvenzmeldungen im DACH Raum erhalten Sie auf unserer Seite Aktuelle Insolvenzen.
