Volle Auftragsbücher, aber leere Kassen: Der Präzisionstechnikhersteller Aicher aus Königsheim steckt mitten in einem Zahlungsunfähigkeitsverfahren. Seit Anfang Juni läuft das vorläufige Verfahren, zum 1. August erfolgt die formelle Eröffnung. Rund 90 Beschäftigte bangen um ihre Zukunft.
Der zuständige Verwalter, Rechtsanwalt Sebastian Krapohl von der Stuttgarter Wirtschaftskanzlei Görg, gibt sich dennoch zuversichtlich. Entlassungen habe es bislang nicht gegeben, und er plane derzeit auch keine. Der Betrieb laufe weiter, Kundenaufträge würden abgearbeitet, darunter auch Lieferungen an Automobilhersteller und deren Zulieferer. Sogar ein Auftragsrückstand sei vorhanden.
Finanziell überbrückt das Unternehmen die kritische Phase mithilfe des gesetzlichen Insolvenzgeldes. Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt für drei Monate die Lohn und Gehaltskosten, was dem Betrieb dringend benötigte Liquidität verschafft.
Die Wurzeln der Krise liegen im schwächelnden Automobilsektor. Aicher fertigt im Bereich der Präzisionsmetallbearbeitung, hauptsächlich mit CNC gesteuerter Dreh und Frästechnik, und beliefert überwiegend die Fahrzeugindustrie. Genau dort drückt der Schuh: Gestiegene Rohstoffpreise für Materialien wie Aluminium und Stahl lassen sich gegenüber den Abnehmern kaum vollständig durchsetzen. Krapohl betont, das sei kein Einzelschicksal. Zahlreiche Unternehmen der Branche befänden sich in vergleichbarer Lage.
Ob der strukturelle Wandel hin zur Elektromobilität zu spät als Risiko erkannt wurde, beantwortet Krapohl mit Verweis auf die Marktrealitäten. Eine Diversifizierung in andere Bereiche, etwa die Medizintechnik, scheitere oft an fehlendem Fachwissen und an bereits bestehenden Überkapazitäten in diesen Segmenten.
Das Unternehmen befindet sich seit einigen Jahren im Besitz des Geschäftsführers Jacek Emil Helle, der es aus Familienbesitz erwarb. Krapohl sieht in dem Eigentümerwechsel jedoch nicht die Ursache der aktuellen Schieflage. Möglicherweise sei die wirtschaftliche Ausgangslage beim Kauf bereits angespannt gewesen, räumt er ein, betont aber den spekulativen Charakter dieser Einschätzung.
Nun richtet sich der Blick nach vorn. Krapohl sucht aktiv nach einem Kaufinteressenten, der das Unternehmen als Ganzes übernimmt und damit sowohl die Gläubiger befriedigt als auch die Arbeitsplätze erhält. Erste Interessenten hätten sich bereits gemeldet, darunter nach seiner Einschätzung auch ernsthafte Kandidaten. Die Zeit drängt.
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